Tagesberichte 2006
04. & 05.08. - Auftakt
zur Tour
So beginnt also in diesem Jahr das Abenteuer in Richtung Santiago de
Compostella: aus den verschiedensten Himmelsrichtungen (vielleicht diesmal mit
Ausnahme des Südens) strömen die Teilnehmer Richtung Holdorf. Die
Distanzwertung geht zweifelsfrei an Fine: Wer es aus dem Dreiländereck
Ostdeutschlands bis nach Südoldenburg schafft, hat sich mehr als nur ein
Ehren-Blasenpflaster verdient.
Während durch die City von Holdorf gegen 22 Uhr die heißen Rhythmen eine
Hochzeitsgesellschaft toben (wollte Michael Kenkel dort nicht auch
"kurz" vorbeischauen?), versuchen insgesamt 21 wackere Pilger und
Innen mitsamt der Catering-Crew die vorhandenen Vehikel mit dem reichhaltigen
Equipment zu versehen. Erleichtert wird der Packvorgang durch einige
kurzfristige Abgesprungene, denen das Heil ihrer Füße mehr an Herzen liegt.
Wenn die wüssten was sie verpassen...
Da wäre zum einen eine zeitlich recht umfangreiche Autofahrt. Kleinigkeiten,
wie etwa um kurz vor Mitternacht noch einen Buli in Marl zu organisieren,
fallen dabei kaum ins Gewicht. Aber bereits die Nachtfahrerschicht hat bei der
Route über Belgien Richtung Paris den Eindruck, dass heute viele Menschen der
Ansicht sein könnten, dieser Tag sei genau der richtige für einen
Ferienstart. Wie sonst sind vollgepackte Autobahnen (in Belgien eher eine
Aneinanderreihung von Schlaglöchern) gegen 4.30 Uhr zu erklären?
Am Ende kommt es, wie man es sich eigentlich niemals wünscht: Aus sicherer
Entfernung von 20 km ist von der Stadtautobahn die Spitze des Eifelturms zu
erkennen und man hat jeeeeedddeee Menge Zeit, diesen Anblick zu genießen.
Alle Details gingen an dieser Stelle zu weit, nur soviel: Der Stadtring bietet
rund 30 km Stau mit fast zwei Stunden Verzögerung, die weitere Route hält
insgesamt ca. 85 km Stau bereit. Kurz und gut: Geplanter Pilgerstart in
Chaumont-sur-Loire gegen 8 Uhr, tatsächlicher Auftakt: 14.15 Uhr.
Das Wetter meint es gut mit uns, leicht bewölkter Himmel, ca. 25°C und eine
Brise. Ideale Voraussetzungen und die Strecke geht sich flüssig, wenn zu
Anfang auch etwas gemächlich an. Nicht fehlen darf natürlich die
obligatorische Tour in die Natur, diesmal schon nach wenigen Metern.
"Hier müsste ein Weg verlaufen", meint jedenfalls Michael und wo
ein Wille, da auch ein Weg. Alles Ansichtssache. Näheres werden die Fotos
beweisen. Für diese zeichnet sich nach dem karrierebedingten Verzicht von Hr.
Rempe (wer Kanzler werden will, muss Prioritäten setzen) unser Holger
verantwortlich. Und dies mit einer Hingabe, als ginge es um eine
Geo-Reportage. Wir dürfen auf die Ergebnisse gespannt sein.
Letztlich verläuft die erste Etappe ohne große Ausfälle und endet (fast) pünktlich
gegen 21 Uhr in Bléré, der Partnergemeinde von Garrel. Natürlich nicht,
ohne dank der kundigen Führung von Manni noch eine ungewollte Runde durch das
malerische Städtchen zu unternehmen (gern genommen um die Stimmung noch zusätzlich
am späten Abend zu pushen).
Herzlichen Dank können wir schon jetzt für die sehr freundschaftliche
Aufnahme in Bléré sagen. Selbst 30 min. vor der Nachtruhe und ca. 90 min.
nach seinem Feierabend ermöglichte uns der hiesige Campingplatzwart eine
reiche Duschorgie für geschundene Pilgerfüße. Vielen Dank dafür!
Und während uns Kuni Richtung Mitternacht dem Küchenteam mit Rat und Tat bei
der Abwaschbeseitigung zur Seite steht, kehrt langsam Ruhe ein bei den müden
und abgekämpften Pilgern.
(LA)
06.08. - Die Ruhe nach dem SturmIm sechsten Jahr sind wir nun unterwegs und solange hat es gedauert, bis
eine sehr angenehme Einrichtung ihre Premiere feiert: Der Ruhetag.
Vermutlich wird dies wohl bis zu unserem Ziel in Spanien auch das letzte Mal
gewesen sein, dass wir uns so erholen dürfen. Und weil an einem solch außergewöhnlichen
Tag, der der bereits erwähnten Partnerschaft zwischen Garrel und Bléré
Rechnung trägt, alles ein wenig anders von statten geht, steht erst einmal
Ausschlafen auf dem Programm. Erst gegen 9 Uhr haben die letzten nicht mehr
ganz so müden Pilger den Weg aus den Federn entdeckt. Immer wieder schön zu
sehen, dass man 21 Menschen auch mit einem einzigen Waschbecken abfertigen
kann, alles nur eine Frage der Organisation.
Das reichhaltige Frühstücksbuffet (welches Restaurant von Weltrang hat
morgens schon Bratwürste und Grillfleisch zu bieten?) wird ordentlich geplündert,
bevor der Besuch der Messe in Bléré auf dem Programm steht. Auf dem Weg
dahin fällt noch rechtzeitig ein böser Fauxpas auf. Das Kreuz fehlt! Eine
dem Schreiber dieser Zeilen bekannte Person war der Ansicht, dies sei nicht nötig,
"schließlich hängen da doch genug!" Die historische Kirche ist gut
besucht und für die des französisch nicht Mächtigen zahlt sich wieder die
alte Grundregel aus: Lächen und Nicken. Die Taktik sorgt garantiert für
Heiterkeit, auch wenn man nicht so ganz genau weiß, worum es geht.
Vor der Kirche erwartet uns nach der Messe ein kleiner Empfang, Hände und Füße
sorgen bei der Konversation für den nötigen Durchblick. Derart gestählt in
der französischen Sprache wagen wir uns an ein kulturelles Highlight. Ein
Besuch auf dem nur wenige Kilometer entfernten Schloss
Chenonceau soll einen Einblick in ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert
geben. Das Besondere: Das Schloss ist über den Fluß "Le Cher"
gebaut. Davor hat der Herr ("sprich Eigentümer") allerdings die
Einlasskontrolle gesetzt und selbst die herzzereißendsten Überzeugungsversuche
von Michael um Einlass zum Pilgertarif finden kein Gehör - ob`s an seiner
weltlichen Kleidung lag? So muss der weltliche Obolus entrichtet werden. Der
sich bietende Anblick der Gärten und des Schlosses lohnt allerdings die
Investition, so dass auch bei kleinem Zeitbudget alles ausreichend begutachtet
werden kann.
So ganz ohne körperliche Ertüchtigung kommt die Mehrzahl der Gruppe dann
doch nicht aus. Während sich Kuni und Jörg für den Matratzenhorchdienst
entscheiden und Manfred an einer Kaffeetafel frönt, baut der Rest überschüssige
Energie im örtlichen Freibad ab. Das Repertoire der klassischen
Pilgerblessuren wird ergänzt um Exoten wie Schürfwunden, Quetschungen und
diverse Kratzer. Das verwendete Sportgerät (Frisbee-Scheibe) endet indes als
Totalschaden. Die ortsansässigen Bademeister haben alle Hände voll zu tun,
die körperlichen Attacken zu ignorieren. Insbesondere Bastian und Maria
laufen zu wahrer Höchstform auf.
Somit endet der Ruhetag gemütlich in Vorfreude auf die morgige Tour nach
Tours.
(LA)
07.08. - Immer am Fluß entlangUm 5.20 Uhr schallt ein frohes "Aufstehen, in 25 min ist Laudes!"
durch den Saal. Der Absender (Michael Kenkel) dreht sich nach dem Kommando
nochmals genüsslich um. Somit ist der Startschuss für eine Etappe gegeben,
die zu Beginn mit einer Distanz von 32 km daherkommt. Wie wir aber wissen:
Nichts ist beständiger als der Wandel und am Zielort in Chambray lès Tours
werden es 37 km Kilometer geworden sein (entspricht einer längeren Marschzeit
von ca. 1 h und 15 min.)
Zunächst aber sieht alles nach einer Bilderbuchroute aus: angenehme
Temperaturen, der Weg führt stetig am Fluss "Le Cher" vorbei.
Lediglich ein Landwirt hat sein Weideland sublegal um einige Meter Richtung
Fluss verlängert und uns so den Durchgang versperrt. Der Zaun ist allerdings
schnell genommen und so wird mit fast sechs Stundenkilometern Tours
entgegengeeilt.
Nach einer reichlich ausgedehnten Mittagspause (die Catering-Crew um Inge,
Rainer und Andrea musste sich mit den Fußkranken erst den Weg durch den Großstadtdschungel
bahnen) führt die Route dann nicht direkt ins Quartier sondern zunächst als
Abstecher in die Innenstadt von Tours. Dort wird Sankt Martin ein Besuch
abgestattet und anschließend noch die Kathedrale besucht. Erstaunlich zu
sehen ist im Straßenverkehr von Tours, was ein großes Holzkreuz ausmacht:
Rote Ampeln können problemlos überlaufen werden, fast sämtliche Fahrer
lassen uns des Weges ziehen. Diese Rücksicht kommt uns sehr zu pass, zumal
wir uns in der prallen französischen Sommersonne bewegen.
Den Sieg in der Tageswertung sichert sich diesmal ein ganz junger
Nachwuchspilger: mit einem beherzten Schlusssprint auf den letzten 75 Metern
deklassiert David das Feld und sichert sich den Titel. Preis: Eine warme
Dusche. Wie sich später aber zeigen wird, bringen nicht nur die Duschen der
Herren Wasser mit der Temperatur "Eierkochen" hervor.
Die Praxis von Dr. Kuni hat indes geöffnet. Die zahlreichen Blasenleiden
werden kompetent mit Nadeln, Scheren, Mullbinden und in der soften Version mit
Blasenpflastern therapiert. Gute Ratschläge gibt's gratis. Für Maria und
Bethie steht unterdessen die Herausforderung auf dem Plan, ohne Liederhefte
innerhalb von gut 30 min. die musikalische Gestaltung der Messe zu zaubern -
dank sangeskräftiger Pilger kein Problem.
Der morgige Tag wird zeigen, ob und wie viele Opfer die heutigen Temperaturen
gefordert haben.
(LA)
08.08. - Mit dem Catering vorausAm heutigen Tag hat sich der Autor dieser Zeilen dazu entschlossen, einmal
einen Tag lang dem Küchenteam der Tour über die Schulter zu schauen bei
ihrem Schaffen. Um ehrlich zu sein: die Fußkranken, die einen Tag wegen
diverser Leiden aussetzen, unterstützen das Team und somit auch ich.
Insgesamt sind es diesmal gleich sechs an der Zahl. Derart dezimiert macht
sich das verbliebene Dutzend auf den Weg von Chambray lès Tours nach Sainte
Maure de Touraine (Distanz ca. 32 km).
Ganz weit kommt die Gruppen allerdings nicht, die Grundstücksgrenze ist genau
um einen (!) Meter überschritten und die Frage lautet: "Rechts oder
links?" Erst nach eingehender Debatte und Studium des Kartenmaterials fällt
die Entscheidung auf "Rechts". Wie der Tag noch zeigen soll, steht
die Gruppe noch öfter vor dieser Frage und die Antworten sind gelegentlich
suboptimal. So wird etwa der Treffpunkt für das Mittagessen um knappe zwei
Kilometer verfehlt.
Zurück nach Chambray lès Tours. Kaum sind die Pilger außer Sichtweite, fängt
LA mit der Motivation der Zurückgebliebenen an: Feldbetten abbauen, Sachen
einpacken, aufräumen, ausfegen usw. Derart "eingepeitscht" ist die
Ruhestätte im Handumdrehen blitzblank und die Crew startet nach Sainte Maure
de Touraine. Das Ziel ist dank der Kartenkunde von Rainer schnell erreicht. Da
diesmal die Pilger auf sich warten lassen, wird die Zeit für eine kleine
Auszeit mit frischem Kaffee und einer Besichtigung genutzt. Weil wie oben erwähnt
der ursprüngliche Treffpunkt von den Pilgern deutlich verfehlt wird, werden
die abgekämpften Geister an Ort und Stelle von den
"Notfallseelsorgern" abgeholt und zu der lauschigen Lichtung
kutschiert.
Hier vollzieht sich ein munteres Durchwechseln der Pilger: Jörg hört lieber
auf seine Füße und zieht die Weiterfahrt im Buli vor, ebenso wie Basti,
dessen Verdauung ein ungeahntes Eigenleben entwickelt hat (Hallo Daniel,
war leider eine Ente, Basti ist durchgelaufen!). Dafür steigen vier der
am Morgen noch Aussetzenden wieder ein. Das näherrückende Ziel sorgt für
eine wahre Leistungsexplosion bei allen Beteiligten. Die verbleibenden knapp
acht Kilometer werden in etwas über einer Stunde absolviert, so dass gegen 15
Uhr diese Etappe zu Ende geht.
Beim Betrachten der Bilder der Tagesetappe stellt Detlef fest: "Der Jörg
sieht da so katholisch aus!" Fragt man sich nur, wie Jörg wohl sonst so
ausschaut. Den Vorzug dieses Internet-Tagebuchs hat inzwischen Anna entdeckt.
Kurzerhand hat sie ihren Bekannten mitgeteilt: "SMS-Schreiben kostet zu
viel Geld. Guckt einfach auf die Homepage, ich weiß zwar nicht was, aber da
steht alles."
Kurz vor der Aktualisierung dieser Seite wartet eine echte Überraschung.
Michael hat buchstäblich auf der Straße einen Pilger (Etienne) aufgegabelt.
Er trägt die komplette Ausrüstung bei sich und ist als Einzelpilger nach
Santiago unterwegs. Zunächst möchte Etienne nur kurz am Abendessen
teilnehmen und dann noch bis 20 Uhr weiterlaufen, doch nach kurzer Überredungskunst
ist klar - wir haben heute nacht einen Gast. Abwarten, wie er das Wecken um
5.20 Uhr übersteht.
Nachtrag
Ein vermeintliches Highlight hatte der Abend auch noch im Angebot. Während
des gemütlichen Abendprogramms wurde die Küche von einem Langfinger
heimgesucht. Beute: Vier Kaffeetassen! Durch den beherzten Einsatz von LA,
Kuni und Michael wurde verhindert, dass am nächsten Tag vier Pilgersleute aus
dem Plastikbecher ihren Morgenkaffee genießen mussten.
(LA)
09.08. - Jugend trainiert für OlympiaWas diese Tour mit Olympia zu tun hat? Zum einen sicherlich den olympischen
Gedanken ("Dabeisein ist alles"), zum anderen bringt der heutige Tag
auch eine Parallele zur Königsdisziplin, dem Marathon. Der eingeweihte Leser
ahnt es schon, es ist die Distanz von rund 42 Kilometern. Somit ist klar, auf
der Route von Sainte Maure de Touraine nach Châtellerault erwartet uns die
(vorläufige) Königsetappe.
Entsprechend früh um Punkt 5 Uhr beginnt der Tag mit dem bekannten Ablauf.
Nicht mit von der Partie ist unter anderem der Tagessieger vom gestrigen Tag,
David. Dieser sorgte noch mit folgender Begebenheit für Erheiterung: Während
der gestrigen Schlussstrecke malträtierte er seinen Vater Manni solange
("Ich kann nicht mehr!" "Meine Füße tun weh!"), bis sich
dieser erbarmte, und ihn ein Stück trug. Kaum war die Unterkunft in Sainte
Maure de Touraine erreicht und ein Fußball in der Nähe, musste David erst
mal barfuß eine knappe Stunde lang dem runden Leder nachjagen - da wurde der
Papa wohl ausgetrickst!
Zurück zum heutigen Start: gegen 6.40 Uhr verabschieden wir (diesmal sind nur
11 Pilger an den Start gegangen) uns schon nach wenigen Metern von unserem
Gast Etienne, der es vorzieht, mit seinem Gepäck weiter allein die Route
Richtung Spanien einzuschlagen. Ebenfalls verabschieden müssen wir uns viel
zu schnell von Maria, die nach knapp zwei Kilometern zähneknirschend passen
muss.
Zu diesem Zeitpunkt steht auch eine Grundsatzdiskussion auf dem Programm: ca.
9 Kilometer sparen und den direkten Weg nach Châtellerault einschlagen -
Entscheidende Nachteile: reichlich hügeliges Gelände sowie komplett entlang
der Nationalstraße (entspricht einer Bundesstraße) flanieren mit reichlich
Verkehr. Kuni kann sich mit seinem Wunsch nach dieser Variante am Ende nicht
durchsetzen.
Also geht es durch die Natur und dies mit einem sehr anschaulichen Tempo von
fast sechs Kilometern in der Stunde. Große Überraschungen, Ehrenrunden oder
auch falsche Wege bleiben komplett aus. Damit keine Langeweile aufkommt, führen
Manni und Basti die Kreiselwertung ein. Wer als erstes den Verkehrskreisel
komplett umrundet, hat gewonnen. So streben wir sehr zügig der Mittagspause
nach gut 24 km entgegen und erreichen dies Zwischenziel gegen 11.15 Uhr.
Während die Sonne schon gegen 8 Uhr erstmals die Wolken durchbrochen hat,
nimmt sie nach der Pause den Dienst so richtig auf: praller Sonnenschein,
Temperaturen um die 30°C und Schatten nur durch die eigene Kopfbedeckung,
dazu Schotter oder Asphalt unter den Sohlen - wer wollte das nicht schon immer
mal erleben? Dennoch halten die Verbliebenen erstaunlich gut durch, das Tempo
bleibt weiter hoch.
Gegen 17.15 Uhr ist das Ziel erreicht. Sehr zum Unmut von Anna geht der
Tagessieg heute nicht an sie, obwohl von ihr fast die ganze Strecke über die
Spitze angeführt wurde - vielleicht die gerechte Strafe dafür, dass sie es
heute ein ums andere Mal auf die Kopfbedeckung der Mitpilger abgesehen hat.
Kuni heimst die Trophäe umständehalber für sich ein. Den Zielstrich überschreiten
am Ende nach kompletter Distanz folgende Power-Pilger:
Michael, Manni, Basti, Elke, Kuni, Anna, LA, Holger & Jörg
Einmal mehr zeigt sich, dass solche Distanzen mächtig an die Substanz gehen.
Morgen steht allerdings eine relativ kurze Strecke mit etwa 33 km auf dem
Plan. Mal schaun, ob unsere heute pausierenden Teilnehmer wieder dabei sind
und für ein komplettes Feld sorgen.
(LA)
10.08. - Strahlender Sonnenschein und QuälereiIrgendwann ist stets der Punkt erreicht, an dem ein jeder Pilger mächtig
auf die Zähne beißen muss, um nicht den Besenwagen in Anspruch zu nehmen.
Nach der gestrigen Mammut-Etappe ist die heutige Route dafür bestens
geeignet, auch wenn es auf dem Papier "nur" 33 Kilometer sind. Vor
allem diejenigen, die komplett dabei waren, sind mächtig ausfallgefährdet. Jörg
entscheidet sich, einen Ruhetag einzulegen, unsere Nachwuchspilgerhoffnungen
Theresa, David, Henricus, Dietlef und Detty kommen zu dem Entschluss, erst
nach der Pause zum Feld zu stoßen.
Zum Auftakt verläuft das Programm heute ein wenig anders; im Anschluss ans
Aufstehen erst Frühstück, dann Abmarsch zur Kirche, um dort der Statue des
Heiligen St. Jakobus einen Besuch abzustatten. Nach der dort gebeteten Laudes
geht es los - und wie! Mehr als schleppend kommt heute die Gruppe in Gang, es
muss sehr viel Überzeugungsarbeit für die Füße geleistet werden, damit
diese nicht den Dienst quittieren. Die Sonne brennt, die Zeit will und will
nicht vergehen und die Strecke zieht sich zäh wie Kaugummi. Bis zur Pause
nach rund 3,5 Stunden sind gerade einmal knapp 17 Kilometer geschafft.
Doch dann kommt die Leistungssteigerung. Plötzlich wird das Tempo deutlich
angezogen. Vermutlich wollen die Leute möglichst schnell in den Schatten und
ihre Blessuren pflegen. So wird das Ziel unter lautstarkem Gesang gegen 15.30
Uhr erreicht. Leider ist unser einziger Küchenmann, Rainer dabei verloren
gegangen. Dieser wollte uns eine Freude machen, den richtigen Weg weisen und
ist uns daher vom Quartier aus entgegen gekommen. Dummerweise auf der falschen
Uferseite. Trotzdem gibt's für diesen vorbildlichen Einsatz 0,05 Punkte in
der ewigen Pilgerrangliste.
Besondere Erwähnung sollen an dieser Stelle zwei Pilgern finden. Zum einen
leistet unser rasender Fotograf Holger wahre Höchstleistungen. Zuerst einen
passenden Standort suchen, um Bilder zu schießen, dann die ganze Gruppe an
sich vorbeiziehen lassen um am Ende wieder komplett nach vorne zu sprinten.
RESPEKT! (knabbert auf Dauer aber auch mächtig an der eigenen
Moral...). Zum anderen kämpft sich Anna mit nur einer Kontaktlinse
durch den Tag und gewinnt dabei drei
Berg-Ab-Sprint-Wertungen-Mit-Kreuz-Dabei-Hochhalten gegen Bethie. RESPEKT!
Für die nötige Erfrischung soll eine Dusche im örtlichen Freibad sorgen.
Das gestaltet sich aber schwieriger als erwartet. Da wir eigentlich nur
Duschen möchten zum Pilgertarif, finden zähe Verhandlungen an der Kasse
statt. Dort wird vorgeschlagen vielleicht besser die Duschen im benachbarten
Fußballstadion zu nutzen; freundlicherweise begleitet uns eine Angestellter
des Bades dorthin. Schnell zeigt sich - den Weg hätten wir unseren Knochen
ersparen können, dort glänzt der leitende und entscheidende Angestellte
leider mit Abwesenheit und ist auch nicht zu erreichen. Also zurück zum Bad,
Verhandlungsmarathon 2. Teil. Diesmal sind wir schon bereit, reguläre
Gruppenkarten zu lösen, doch die Begeisterung auf der anderen Seite hält
sich nach wie vor in Grenzen. Einer Mitarbeiterin an der Kasse rutscht schließlich
versehentlich auf Deutsch der wahre Grund heraus: Wir erscheinen zu dreckig.
Weitere 15 min. später ist der Weg zu den Duschen zum halben Kindertarif dann
doch frei - endlich!
Eine Episode aus der Folge "Dumm gelaufen" ist heute Manni gewidmet.
Er ist stolzer Besitzer eines Pilgerausweises, in den gelegentlich die Stempel
der besuchten Kirchen gedrückt werden. Sein besonderer Stolz: ein
Reliefstempel (ohne Tinte) von Notre Dame in Paris. Der heutige
Stempelbeauftragte hatte dies Detail leider übersehen und das Feld für frei
gehalten - somit überdeckt ab sofort ein Stempel von Poirtier das Werk aus
Paris.
(LA)
11.08. - Kräfte kehren zurückDer Autor dieser Zeilen hat die Nacht in Poirtier als einziger unter freiem
Himmel verbracht - freiwillig unfreiwillig. Als er sich nämlich gegen 23 Uhr
zur wohlverdienten Nachtruhe ablegen möchte, veranstaltet eine halbe Garnison
ein wahres Schnarchkonzert. Um eine halbwegs ruhige Nacht zu haben, bleibt nur
der Rückzug auf den Hof (vielen Dank auch noch mal an K., D. und J.!).
Nach dem bekannten Ritual zum Morgen wird der Weg (heute spricht der Fährtenleser
von rund 32 Kilometern) heraus aus Poirtier sehr zügig angegangen. Nach einer
Stunde ist die Stadtgrenze erreicht und Basti lässt bereits durchblicken,
dass sich seine Blasen zu einem echten Handycap entwickeln könnten. Zur Pause
wird er jedenfalls für laaannngggeeee Zeit im Mannschaftswagen von Schwester
Maria zusammengeflickt und das mit Erfolg.
Nach der Pause kommt es dann zur Sensation: Alle Pilger setzten sich erstmals
seit Start wieder gemeinsam in Bewegung, um die lächerlichen 10km
Restprogramm des Tages zu bestreiten. Und auch jetzt zeigt sich die Sonne gnädig
und lässt sich nur selten blicken.
Kurz danach müssen wir in einem Vorort von Lusignan auch Detty als verletzten
Pilger verarzten. Da ein schmerzender Knöchel zum Wandern nicht wirklich
geeignet ist, unterstützten wir ihn mit entsprechender Creme und einem Stützverband
der Marke Maria. Selbstredend hat er den Rest der Strecke geschafft.
So motiviert werden die spärlich vorhandenen Französisch-Kenntnisse dann
gleich über Bord geschmissen, als uns eine gestikulierende, ältere Französin
klar machen will, dass wir einen Weg besser nicht benutzen sollen oder dürfen.
Leider haben wir ja kein Wort verstehen können (wollen?), so dass wir unsere
Route zielstrebig fortsetzen. Ach ja, im Haushalt der guten Dame scheint
sowieso einiges nicht normal zu sein; oder wer hat schon einmal einen GRÜNEN
Schäferhund gesehen? Eigentlich überflüssig zu schreiben, dass die
beschrittene Strecke uns durch ein steil ansteigendes, felsiges und
zugewachsenes Flussbett führt.
So treffen wir geschlossen gegen 14.00 Uhr in Lusignan ein, wo in der auf den
ersten Blick sehr großen Kirche für einen Ort dieser Größe dann auch
gleich die Vesper gebetet wird. Den Schlussspurt und damit den Tagessieg
teilten sich nach einem spannendem Wettkampf mit David letztlich Anna und Jörg,
die in einer sportlichen Geste gemeinsam über die Ziellinie schreiten.
Natürlich werden erst einmal die Füße gepflegt und Blasen verglichen, bevor
zur dringend erforderlichen Köperpflege geschritten wird. Schließlich wollen
wir alle frisch gestylt, gestriegelt und gut riechend beim Empfang im Rathaus
sein, der uns um 17:30 Uhr erwartet. Es ist das erste Mal auf der Tour, dass
uns so eine Ehre zuteil wird. Zu lecker Cidre, Saft, Kuchen und Keksen gibt es
jede Menge freundliche Worte sowie einen Kurzüberblick über die lokale
Historie. Anschließend können wir uns austauschen und dürfen zum zweiten
Mal die Kirche begutachten, diesmal allerdings mit Erklärung. Offenbar werden
wir es als Ereignis sogar in den Lokalteil der hiesigen Zeitung schaffen,
jedenfalls war ein Reporter vor Ort. Sehr entspannt klingt der Abend aus und
die Vorfreude auf die Schlussstrecke wächst.
(LA & JR)
12.08. - SchlussspurtUnd zum letzten Mal heißt es heute aufstehen und Schuhe schnüren. Allen
Teilnehmern ist anzumerken, dass es ein schwerer und trauriger Gang werden
wird. Oder um einmal philosophisch zu werden: Nur wenn wir diese Woche zu Ende
bringen, kann im nächsten Jahr die nächste Woche stattfinden. Damit genug
philosophiert.
Ursprünglich ist geplant, die Strecke bis Melle zu gehen, was allerdings eine
Entfernung von über 40 km bedeuten würde. Dieses wird für den letzten Tag
als etwas zu großzügig angesehen (schließlich will man ja noch Kraft für
einen gemütlichen Abend haben, gell?!). Somit wird einfach vereinbart, dass
12 km vor Melle aufgehört und die restliche Strecke mit dem Bus gefahren
wird. Somit haben wir eine perfekte Streckenlänge und für´s nächste Jahr
auch gleich den Startort festgelegt. Keine Sorge, es geht kein Kilometer
verloren, wir starten dort, wo die Kraftfahrzeuge geentert werden. Außerdem
wird der Ablauf so geplant, dass das Küchenteam ab der großen Pause mitgehen
kann.
Bei leichter Bewölkung und doch recht frischen Temperaturen machen wir uns
zur gewohnten Zeit wieder auf Schusters Rappen. Am Start fehlen allerdings
Dieter, Theresa und Detlev, die sich ihre Kräfte einteilen wollen. Wir haben
offenbar unsere gemütliche Phase, es wird nicht ansatzweise das
"Pilgertempo" angeschlagen. Dass die Konzentration langsam
schwindet, ist auch Michael anzumerken, der sich gleich nach einigen Metern
die Frage gefallen lassen muss, ob er die Landkarte richtig herum hält.
Nachdem das geklärt ist, geht es mit munteren Liedern auf den Lippen weiter.
Ein nicht ganz unerwartetes Problem tauchte dann direkt nach der ersten
kleinen Pause auf: Der Weg wird versperrt von einem Draht und einem Schild auf
dem leider nur etwas auf französisch zu lesen ist. Spätestens seit gestern
wissen wir, dass wir dem französischen situationsbedingt leider nicht mächtig
sind. Hat jemand eine Ahnung, was "Danger" heißt? Nun ja, wir
nicht, so dass wir unseren Weg unbeirrt fortsetzen. Zahlreiche Funde am
Wegesrand zeigen uns, dass wir uns vermutlich auf einem Truppenübungsplatz
befinden. Aber ist ja Samstag und da arbeitet sicherlich keiner von denen.
Weiter geht`s.
Leider zeichnet sich hier bereits ab, dass Maria mit Ihrer Achillessehne keine
echte Einheit bildet und enorme Probleme hat. Glücklicherweise ist der Weg
bis zur Pause nicht mehr weit. In einem kleinen Park vor einem Museum erwartet
uns mal wieder ein reichlich gedeckter Tisch (Haben wir uns eigentlich schon
beim Küchenteam bedankt?). Tja und dann ist es soweit, die letzte Runde
beginnt, leider ohne Maria. Alle anderen haben ihr von den restlichen
Kilometern etwas gewidmet. Man kann direkt den Eindruck bekommen, dass einige
gar nicht ankommen wollen, da das das Ende für dieses Jahr bedeutet.
Nun ja, irgendwann sind wir doch am Ziel (wie auch immer diese Ortschaft mit
den drei Häusern heißen mag) und die fehlenden Busse werden geholt. In Melle
erwartet uns eine wirklich gute Unterkunft, die sogleich in Beschlag genommen
wird. Bei der anschließenden ersten kleinen Feierrunde wird dann von einer
besser ungenannten E.F. aus B. bei einer Attacke völlig pikiert kundgetan:
"Ich habe perfekte Haut! Das darfst Du nicht." Diesem Wunsch der körperlichen
Unversehrtheit kann selbstredend nicht nachgekommen werden. Weitere Kommentare
spart sich der Autor hier. Seine Gesundheit ist ihm doch etwas wert.
Dankenswerterweise hat der Bürgermeister für uns auch gleich eine
Duschgelegenheit auf dem örtlichen Campingplatz organisiert. Echt super
Service. Also nichts wie hin und gesäubert. Da die Duschgelegenheiten etwas
begrenzt sind, werden den Frauen drei Duschen und den Männern eine Dusche gegönnt.
Hier nur ein Wort: Fehler!!! Es wird einmal mehr bewiesen, dass die
durchschnittliche Verweildauer einer Frau unter der Dusche größer ist als
die von Männern und darüber hinaus auch noch expotential mit der Anzahl der
anwesenden Frauen steigt.
Nun, was hat diese Woche gebracht: Blasen, Wunden, Freunde, Freude, Schmerzen
und viel, viel Spaß. Ganz einfach. Die Nachwuchspilger David, Dieter,
Henricus und Detlef machen sich richtig gut. 35 km laufen und danach Fußball
spielen, müssen sich halt nicht ausschließen. Auch Jörg als Neuling hat
sich mit 1,5 Fehltagen und kaum nennenswerten Blasen recht gut gehalten. Last
but not least können wir als neuen Streber-Pilgerer "Hugo" präsentieren.
Sollte ihn mal jemand zu Gesicht bekommen, bitte melden (Ein entsprechender
Name ist auf der Teilnehmerliste nicht finden).
Wir vermuten allerdings, dass es sich um Kunibert handelt, der im Gegensatz zu den Vorjahren keine Etappe auslässt, ohne allerdings jeden Tag zu betonen: "Och, ich glaube ich mache heute Schluss, oder Morgen oder überhaupt". Aber alles nur Bluff gewesen; wie gesagt, durchgelaufen ist er. Somit greift ein weiteres Zitat von ihm: "Sind wir hier auf `nem Schulausflug oder auf einer Pilgerung?!" Schlussendlich ist bei allen Teilnehmern die einhellige Meinung, dass es jedem sehr viel Spaß gemacht hat und dass jeder einzelne auf eine persönliche Art und Weise seine Beziehung zu Gott und seinem Glauben gefestigt hat. So können wir nur hoffen, dass wir alle und noch einige mehr im nächsten Jahr wiedersehen.
P.S.: Moin Daniel, vielen Dank für deine Nachricht, ist angekommen!
P.P.S.: Ach so Daniel, die Geschichte mit dem Ausstieg von Basti am 08.08. war
leider eine Ente...
(LA & JR)